… und haben Sie noch Fragen an uns?

Jeder kennt die Situation. Man ist pünktlich, gut vorbereitet über das Unternehmen, geputzt und gekämmt, und mit einem Bild des Gesprächspartners im Kopf zum Vorstellungsgespräch erschienen, hat sich von der besten Seite präsentiert, eloquent alle Fragen des Rekruters oder des zukünftigen Chefs beantwortet, ist den Stolperfallen meisterhaft ausgewichen und hat hinreißend die Liebe zum Fachgebiet unter Beweis gestellt und keinerlei Zweifel am eigenen Expertendasein aufkommen lassen. Die Stimmung ist locker, die Frage nach Verfügbarkeit und Gehaltsvorstellungen ist abgehakt, das weitere Prozedere im Bewerbungsprozess geklärt, da sagt der Rekruter noch schnell: „Und haben Sie noch Fragen an uns?“

Und plötzlich herrscht eisiges Schweigen.

Wien, Alte Donau

Man kann ja recht viel lesen über die berühmten alles entscheidenden Fragen an den anvisierten zukünftigen Arbeitgeber.
> Diese Fragen seien entscheidend.
> Diese 3 Fragen müssen unbedingt vorbereitet sein.
> Auf keinen Fall darf man darauf antworten: „Nein, danke, mir ist alles soweit klar.“

Aber was soll man denn da fragen? Was, wenn einem da so schnell nichts einfällt? Man kann ja nicht jeden Rekruter jedes Unternehmens das selbe fragen. Oder doch?

Doch, man kann. Am besten ist, du bereitest 10 Fragen vor, 5 davon werden passend sein, 3 davon stellst du dann. Für mehr Fragen ist sowieso keine Zeit. Antworten zu den Fragen solltest du vorab recherchieren und wirklich gut aus dem Stegreif und an die jeweilige Situation angepasst, herausschießen können. Ausserdem solltest du gut zuhören, damit du nicht etwas fragst, was die beiden ohnehin schon erklärt haben. Das Um-und-Auf für jedes Gespräch ist die Vorbereitung, und die Übung. Wenn du dir deine Vorstellungsgespräche durch Nervosität kaputt machst, könntest du mehr üben. Selbstgespräche eignen sich hervorragend. Sprich mit dir unter der Dusche, im Auto, beim Einschlafen. Erzähle es dem Hund, einem Freund, deinem Freund, deiner Mutti. Ganz egal.

Warum? Fragen zu stellen signalisiert, dass du zuhören kannst, Interesse hast am Job, dem Unternehmen, der Person des Rekruters, der Aufgabe. Es zeigt, dass du vorbereitet bist, dir Gedanken gemacht hast, eigeninitiativ bist und Mut hast. Das bringt im Zweifelsfall den Extra-Punkt.

No-Gos: Persönliche Fragen über die Gesprächspartner, über deren private Angelegenheiten, auch anderer Leute im Unternehmen. Fragen zu den negativen Schlagzeilen über das Unternehmen in der Zeitung. Außerdem wirst du etwas Feingefühl brauchen, aus dem Gespräch wirst du einen Eindruck bekommen haben, wie die beiden ticken, vermeide Fragen, die die beiden kompromittieren könnten. Bitte keine ausgedruckten Fragen ablesen, das wirkt total unprofessionell. Die Frage nach dem Gehalt wird heutzutage bereits im ersten Gespräch geklärt, ich persönlich rate aber davon ab, als Bewerber diese Frage proaktiv zu stellen. Für unpassend halte ich ebenso Fragen im Erstgespräch nach Benefits, Work-Life-Balance, Urlauben, Zeiterfassung, bezahlter Weiterbildung, Firmenautos, Handies zur privaten Nutzung, etc., es kann möglicherweise den Eindruck entstehen lassen, dass der Bewerber mehr an seinen Vorteilen als an einem Leistungs-/ Gegenleistungsverhältnis interessiert ist.

Hier also ein Auszug:

Steyr, Oberösterreich
  • Was sind aus Ihrer Sicht die dringlichsten Aufgaben in den ersten 100 Tagen dieser Position?
  • Womit könnte ich Sie unverzüglich entlasten, wenn ich hier nächste Woche anfangen würde?
  • Auf welche persönlichen Eigenschaften des Stelleninhabers legen Sie besonders wert?
  • Wie ist der ideale Kandidat, damit er/sie am besten ins Team passt?
  • Wie unterscheiden sich die guten von den ausgezeichneten Mitarbeitern?
  • Wie werden gute Mitarbeiter gefördert und gefordert?
  • Welche Herausforderung hat Ihr Team derzeit zu bewältigen?
  • Wie gehen Sie mit Mitarbeitern in Konflikten um?
  • Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?
  • Wie definieren Sie den Erfolg dieser Position, wo liegen die kritischen Faktoren?
  • Auf welche Eigenschaften an einem möglichen Mitarbeiter legen Sie besonders Wert?
  • Wie beschreiben Sie die Unternehmenskultur?
  • Warum ist die Position vakant und wohin hat sich der derzeitige Stelleninhaber hin entwickelt?
  • Wie läuft Ihr Onboarding Prozess ab?
  • Wie ist Ihr Team aufgestellt?
  • Wie ist Ihr Team in die Abteilung (Ihre Abteilung ins Unternehmen) eingebettet?
  • An wen reportet der Stelleninhaber?
  • Wie hoch ist der Frauenanteil in Führungspositionen in Ihrem Unternehmen?
  • Wie ist die prozentuelle Verteilung in Sachen Zeit der einzelnen Aufgabengebiete der Position?
  • Mit wievielen Bewerbern führen Sie Erstgespräche, und wieviele werden Sie in die 2. Runde einladen?
  • Wieviele Bewerbungen haben Sie erhalten?
  • Wie sieht die Kommunikationskultur in Ihrem Unternehmen aus, also das Meeting-Wesen?

Exkurs: Fragen, die du stellen kannst, wenn du dich für eine Führungsposition beworben hast.:

  • Wie groß ist das Team?
  • Erklären Sie mir bitte ein fiktives Organigramm.
  • Gibt es variable Gehaltsbestandteile?
  • Sind die Unternehmensziele den Mitarbeitern bekannt?
  • Plant das Unternehmen in den nächsten 2 Jahren zu wachsen?
  • Gibt es Konflikte im Team?
  • Ist das Team homogen?
  • Gibt es ein Budget für Weiterbildung?
  • Gibt es ein Budget für Prämien, Boni, Gehaltserhöhungen?
  • Gab es im letzen Jahr viele Veränderungen im Team?
  • Bitte beschreiben Sie den Führungsstil meines Vorgängers.
  • Wie beschreiben Sie die Stimmung im Team?
  • Gibt es einen definierten Onboardingprozess?
  • An wen reportet die Position?
  • Wieviele Direct Reports hat die Position?
  • Gibt es einen Stellvertreter? (Wenn ja, warum hat dieser die Position nicht übernommen?)